Freizeit

Gruseln, Extremsport und der Reiz des Ungewissen: Warum wir den Nervenkitzel suchen

11.05.2021

Hinweis an unsere Leser:
Wir erstellen Produktvergleiche und Deals für Sie. Um dies zu ermöglichen, erhalten wir von Partnern eine Provision.

Das Bedürfnis des Menschen, in Höhlen Schutz zu suchen und später auch selbst Behausungen zum Schutz vor äußeren Gefahren zu errichten, ist seit frühester Zeit durch archäologische Funde belegt. Und doch scheint im Menschen noch ein anderes Bedürfnis zu schlummern, das immer wieder an die Oberfläche kommt: der Wunsch nach Nervenkitzel, Spannung und Gefahr.

Der Mensch als „Sensation Seeker“: Warum der Nervenkitzel so wichtig ist

Der Mensch ist von Natur aus ein „Sensation Seeker“, sagen Wissenschaftler. In gewissem Maße soll fast jeder Mensch zumindest hin und wieder auf der Suche nach extremen Empfindungen sein, nach etwas Außergewöhnlichem, das die Sicherheit des eigenen Lebens erschüttert.

Die Ursache dafür ist im Hormonhaushalt zu suchen. Gerät ein Mensch in Gefahr, schüttet das Gehirn Katecholamine aus. Dazu gehört das Adrenalin, das Körper und Geist zu Höchstleistungen befähigt. Zur Gruppe der Katecholamine gehören aber auch die Glückshormone Dopamin, Noradrenalin, Serotonin oder Endorphine. Sie wirken direkt auf das Belohnungssystem im Gehirn. Wer eine Gefahrensituation oder eine Extremsituation überstanden hat und wieder in die Sicherheit zurückkehrt, empfindet häufig starkes Glück aufgrund der Aktivierung des Belohnungssystems. Wichtig ist dabei allerdings das Gefühl, die Situation gut und aus eigener Kraft gemeistert zu haben. So kann der Adrenalinspiegel langsam wieder sinken und den Glückshormonen Platz machen.

Wie stark das Streben nach dem Nervenkitzel ausgeprägt ist und wie extrem der Reiz sein muss, um das Belohnungssystem ausreichend anzusprechen, variiert stark.

Die Ungewissheit über Sieg und Niederlage: Spielen als Nervenkitzel im Kleinen

Für den wohltuenden Reiz im Gehirn muss nicht immer eine Extremsituation her. Manche Menschen erfreuen sich bereits an der Ungewissheit, die eine Spielpartie mit sich bringt. Entscheidet in einem Gesellschaftsspiel zumindest in gewissem Maße der Zufall über Sieg und Niederlage, kann dies schon einen ausreichend wohligen Schauer auslösen.

Etwas mehr Spannung lässt sich erzeugen, wenn von Sieg oder Niederlage etwas abhängt. Das lässt sich zum Beispiel erreichen, wenn bei einem Besuch in der Spielbank oder im Online Casino Echtgeld zum Einsatz kommt. Je höher die Spielsumme, desto höher das Verlustrisiko und damit auch der Nervenkitzel beim Spiel.

Ebenfalls auf spielerische Weise lassen sich Gefahr und Abenteuer in Computerspielen simulieren. MMORPG und Action-Adventure oder Shooter wie „Fortnite“ sind hier besonders beliebt. Wenn Spieler am Controller oder an Tastatur und Maus in die Rolle eines Spielcharakters schlüpfen, erleben sie Extremsituationen nur indirekt. Trotzdem kann der gewünschte Reiz ausgelöst werden, wenn ein Spieler in die Spielwelt eintaucht, gemeinsam mit seinem Spielercharakter leidet oder sich über Erfolge freut.

Deutlich realer gestaltet sich der recht junge Spieletrend der Escape Rooms. Hier können Spieler nicht nur am Computerbildschirm eine Spielfigur steuern, sondern selbst für wenige Stunden in ein Abenteuer eintauchen. In detailgetreu gestalteten Szenarien gilt es, Rätsel zu lösen, Fallen zu entschärfen, Verbrechen aufzuklären und Gegner zu stellen. Hier wird reale Gefahr für Leib und Leben suggeriert, der die Spieler nur durch Geschick und Geistesschärfe entkommen können. Die zeitliche Begrenzung, die den Spielern für ihren Ausbruch aus dem Setting für gewöhnlich auferlegt wird, verstärkt das Gefühl von Gefahr. Escape Rooms sind die wohl stärkste Form von Nervenkitzel, die die Spielwelt derzeit zu bieten hat. Und doch bleibt im Hinterkopf immer die Gewissheit, dass alles nur ein Spiel ist und jeder der Mitspieler wieder sicher im Alltag ankommen wird.

Gruseln als Nervenkitzel aus der zweiten Reihe

Thriller und Horrorfilme gehören zu den ältesten Filmgenres überhaupt. Schon immer liebten es die Menschen, auf der Leinwand oder am Fernsehbildschirm schaurigen Geschehnissen zu folgen und sich dabei nach Herzenslust zu gruseln. Der Nervenkitzel aus der zweiten Reihe ist eine typische Ausprägung des „Sensation Seekers“. Denn eines ist wohl unstrittig: Jeder Horrorfan ist, sofern er psychisch gesund ist, erleichtert, dass das Grauen nur auf der Leinwand passiert und der Axtmörder in der Nacht nicht vor dem eigenen Bett steht.

Aber worin liegt der Reiz des Gruselns, während wir gemütlich und sicher im Kinosessel oder auf dem heimischen Sofa sitzen? Der Psychologe Jan Glasenapp fasst es in einem Paper zum Thema „Die Lust am Gruseln: Echte Gänsehautgefühle“ für den Bayerischen Rundfunk zusammen:

„Wer nachts einem Serienkiller bei seinem blutigen Werk zuschaut, hat das Gefühl, sich aus freien Stücken zum Gruseln entschlossen zu haben. Selbstgewählte Emotionen stressen nicht; sie bedeuten Unterhaltung.

Der Begriff, der das gut zusammenfasst, ist der Begriff der Angstlust, der ja sehr schön diesen Widerspruch beschreibt, der uns da so anzieht, dass wir diese Angst als lustvoll empfinden. Der Punkt ist dabei, dass es eine kontrollierbare Emotion ist, das heißt, wir können jederzeit den Film abstellen, wir wissen am Ende, wir sind nicht in dieser Situation, es ist so gesehen nicht real. Und diese Kontrolle macht diese Angst so lustvoll, diese Stresshormone, die ausgeschüttet werden und die Endorphine, die, sobald diese Anspannung nachlässt, ausgeschüttet werden, die können wir genießen, weil wir eben wissen, dass das so laufen wird.“

(Quelle: gruseln-grauen-gaensehaut-112.pdf)

Der Nervenkitzel aus der zweiten Reihe kombiniert also das tief sitzende Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und seine Natur als „Sensation Seeker“, die ihn immer wieder dazu drängt, zumindest vorübergehend aus dieser Sicherheit auszubrechen.

Extremsport und Gefahrensituationen als ultimativer Kick

Die wohl extremste Ausprägung des „Sensation Seekers“ sind Menschen, die durch die Ausübung von Extremsport und das Erleben von Gefahrensituationen nach dem ultimativen Kick streben. Für sie muss die Adrenalinausschüttung besonders stark und real sein, damit ihr Belohnungssystem ausreichend angesprochen wird. Meist nutzt sich ein Reiz bei diesen Menschen schnell ab und muss durch noch extremere Erfahrungen ersetzt werden.

„Sensation Seeker“, die in diese Kategorie fallen, schieben die Grenzen des Erlebens und der Gefahr immer weiter hinaus, bis das Risiko kaum noch kalkulierbar ist. Sie Suche nach dem Kick kann hier sogar zur Sucht werden, die sich zu einer Gefahr für Leib und Leben entwickeln. Lässt sich der Wunsch nach einem Kick durch sichere Erlebnisse nicht mehr befriedigen, können Adrenalin-Junkies auch über die Grenzen der Vernunft und des Überlebensinstinktes hinausgehen und sich in Gefahren begeben, die sie nicht mehr kontrollieren können.

Natürlich ist nicht jeder Extremsportler ein Adrenalin-Junkie, der sein Leben bereitwillig aufs Spiel setzt. Viele Menschen schätzen den besonderen Reiz extremer Erfahrungen, legen aber trotzdem großen Wert auf kalkulierbare Risiken und ein Höchstmaß an Sicherheit legen. Hier können beispielsweise auch Fans von Vergnügungsparks eingeordnet werden. Wer den Nervenkitzel und den ultimativen Adrenalinkick auf den Fahrgeschäften der Superlative schätzt, kommt in Themenparks voll auf seine Kosten. Von atemberaubenden Loopings und Stunts bis zum freien Fall und unglaublicher Beschleunigung ist inzwischen alles möglich. „Höher, schneller, weiter“ lautet das Motto der meisten Achterbahnfans. Trotzdem legen echte Rollercoaster-Fans Wert auf höchste Sicherheitsstandards und wählen bewusst das Angebot renommierter Veranstalter, die durch strengste Auflagen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Sicherheit ihrer Besucher verpflichtet sind. So verbindet sich der ultimative Adrenalinkick mit einem kalkulierbaren Risiko und bietet die ideale Plattform für alle jene, die eine stärkere Form des Nervenkitzels brauchen.

Die Gene entscheiden, wie viel Nervenkitzel wir brauchen

Das Spektrum, das das Bedürfnis nach Nervenkitzel und Adrenalin abdeckt, ist gewaltig. Wie stark die Reize sind, die ein Mensch benötigt, um seine Komfortzone zu verlassen und sein Belohnungssystem zu aktivieren, ist individuell verschieden. Ebenso unterschiedlich ist das Ausmaß der Hormonausschüttung, das durch bestimmte Reize erreicht werden kann.

„Ob und wie viel Adrenalin, Noradrenalin oder Dopamin ausgeschüttet werden, das ist individuell völlig unterschiedlich", erklärt Sportmediziner Leonard Fraunberger vom Institut für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen, im Gespräch mit dem WDR. „Manche Menschen haben ein natürlich hohes Maß an Dopamin, so dass sie dann keinen zusätzlichen Nervenkitzel mehr benötigen", erklärt Tim Woodman, Professor und Leiter der Sportschule der Bangor University in Wales, dem Sender. Der Forscher unterscheidet dabei zwischen Adrenalin-Junkies und Risiko-Planern: „Der Risiko-Planer überlässt nichts dem Zufall. Ein Bergsteiger etwa plant alle Eventualitäten ein; er weiß, an welchen Stellen es schwierig werden könnte. Der Adrenalin-Junkie hingegen legt es auf den reinen Nervenkitzel an und sucht gefährliche Sportaktivitäten, etwa Klippenspringen. Er lernt nichts aus seiner Tätigkeit und schiebt die Grenzen der Gefahr so weit raus, dass es fatale Folgen haben könnte."

Grundsätzlich entscheidet eine genetische Disposition darüber, wie stark die Hormonausschüttung in bestimmten Situationen ist und welchen Hormonspiegel Menschen benötigen, um Glücksgefühle zu empfinden. Aber auch die Umstände, unter denen ein Mensch aufgewachsen ist, haben Einfluss darauf. Wer zum Beispiel sehr ängstlich und behütet aufgewachsen ist, ordnet außergewöhnliche Erlebnisse in der Regel schneller als potenziell riskant oder gefährlich ein und kann entsprechende Reize früher und stärker empfinden.