„Demokratie fällt nicht vom Himmel“

Erstmals Personalrat fürs Landestheater Niederbayern

06.04.2021 | Stand 06.04.2021, 15:52 Uhr

Sebastian Sager bildet mit Constanze Wolf und Christoph Höhn den Orchestervorstand. −Foto: Christine Schneider

Um die Interessen der Künstler zu vertreten, wurde nach fast 60 Jahren ein universeller Personalrat für das Musiktheater in Passau und die Schauspielabteilung in Landshut gegründet.



Leider zu oft wahr ist das Klischee, am Theater herrsche eine autoritäre Ordnung, in welcher der Intendant oft selbstherrlich den Laden leite. Ganz bewusst will sich das Landestheater Niederbayern davon distanzieren, es setzt im Gegenzug auf den Dialog mit Künstlern und Mitarbeiter. An der Spitze des neuen, sieben Mitglieder starken Gremiums steht der Landshuter Schauspieler Olaf Schürmann.



Das Aufgabengebiet des Personalrates ist breit gefächert. „Dabei gibt es fest definierte Bereiche wie Arbeits- und Gesundheitsschutz und Arbeitszeiten“, erklärt Olaf Schürmann. Außerdem bestimmt der Personalrat bei Einstellungen, Kündigungen, oder Abschluss und Änderung von Dienstvereinbarungen mit. „Was aber definitiv nicht zu unseren Aufgaben zählt, sind die künstlerischen Prozesse“, sagt der Vorsitzende. Damit meint er die Spielpläne des Theaters, welcher Regisseur engagiert oder welche Produktion gemacht wird. Einfach nur formal Gesetze abzuhaken, kommt für Schürmann nicht infrage, er will den Betrieb konkret ins Auge fassen. Fliegen da bei einem Interessenskonflikt mit dem Intendanten, mit dem man jahrelang in gutem Verhältnis zusammenarbeitet, auch mal die Fetzen? Freilich könne es auch mal zu Auseinandersetzungen kommen, meint Schürmann: „Wir sind alles leidenschaftliche Menschen, die ihren Beruf wahnsinnig gerne machen.“ Aber auch dafür, Dinge auszudiskutieren, sei der Personalrat da. Im besten Fall komme man auf Lösungen, die einem alleine vielleicht nicht eingefallen wären. „Es geht ja auch darum, das Theater noch besser zu machen, und ich bin zuversichtlich, dass es insgesamt einen Sprung nach vorne macht, aufgrund eines solchen Gremiums.“



Stellen schwanken häufig



Wie viele Mitglieder ein Personalrat zählt, richtet sich nach der Größe des Betriebes. In diesem Fall sind es insgesamt 230 Mitarbeiter: 21 Bühnentechniker, acht Schneider, zwei Arbeiter in der Requisite, drei Azubis, drei Verwaltungsangestellte, zwölf Angestellt in der künstlerischen Verwaltung für Dramaturgie, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Spielleitungen, Disponenten, Künstlerisches Betriebsbüro, vier Personen für die Maske, zwei in Landshut für den Ton, eine in Passau für Inspizienz, 16 Schauspieler, 12 Sänger sowie 52 Sänger im Chor auf geringfügiger Basis (Stand Juni 2020). „Die besetzten Stellen schwanken häufig wegen Gästen oder durch geringfügig Beschäftigte“, sagt Konrad Krukowski, Pressesprecher und Assistent des Geschäftsführers am Landestheater Niederbayern. Sie werden nun neben dem Vorsitzenden Olaf Schürmann und seiner Stellvertreterin Susanne Schwaiberger (Orchester, Passau) von fünf weiteren Räten vertreten – vier aus dem Passauer Musiktheater und drei aus der Schauspielabteilung in Landshut.



Dass Schürmann die Wahl zum Vorsitzenden annimmt, war für ihn klar: „Demokratie muss man machen, die fällt nicht vom Himmel. Und Sachen wie ein Personalrat sind wichtig, und die gilt es, mit Leben zu füllen.“ Auch wenn er weiß, dass das viel Arbeit bedeutet, in die er sich gerade Stück für Stück einarbeitet. „Mein ganzes Leben habe ich mich noch nicht mit so vielen Gesetzen und Verordnungen beschäftigt wie momentan“, sagt Schürmann und lacht. Die Basisschulung für Personalräte ist bald abgeschlossen, aber es folgen weitere.

Von der Theaterleitung werde das neue Gremium begrüßt und unterstützt. Obwohl sich natürlich alle Beteiligten daran gewöhnen und einarbeiten müssten. Olaf Schürmann erklärt den Vorteil der neuen Situation: „Es hat ein anderes Gewicht, ob ein einzelner Angestellter ein Anliegen vorbringt oder ob ein Gremium sagt: „Hey, wie sieht’s damit aus – könnten wir vielleicht ...?“



Der Orchestervorstand



Bei den Spitzenorchestern bestimmen die Orchestermitglieder sogar, wer Chefdirigent wird. Die Berliner Philharmoniker haben Kirill Petrenko als Nachfolger für Simon Rattle gewählt, diesen wiederum wünschten sich die Musikerinnen und Musiker vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als Nachfolger für Mariss Jansons. Ein solches politisches Gewicht haben die Orchestermusiker an Theatern nicht. Dass sie überhaupt eine Stimme haben, um ihre Interessen zu vertreten, dafür sorgt der Orchestervorstand. Auch dieses Gremium ist neben dem Personalrat jetzt wieder besetzt am Landestheater Niederbayern.



Der Vorstand besteht aus den drei Musikern Sebastian Sager, Constanze Wolf und Christoph Höhn. „Der Orchestervorstand ist ein im Tarifvertrag verankertes Gremium, während der Personalrat ein gesetzlich vorgeschriebenes ist“, erklärt Pressesprecher Konrad Krukowski. Im Wesentlichen sei der Orchestervorstand eine kommunikative Zwischeninstanz zwischen den Musikern und der Theaterleitung. „Seine Aufgaben sind die Sicherstellung der Ordnung während Proben und Vorstellungen, eine Mitwirkung bei der Auswahl von Musikern, die eingestellt werden sollen und die Prüfung des Dienstplanes auf Unausgewogenheiten hin“, sagt Krukowski. Außerdem würde Fehlverhalten der Musiker durch den Orchestervorstand geahndet. Im Gegensatz zum Personalrat seien die Aufgaben auf das Orchester beschränkt.

Marleen Uttenthaler